Gabriel und Schelling was wirklich neu ist
Gabriel & Schelling — was wirklich neu ist
Kritische Synthese. Strikte Trennung: echte Neuerung vs. aufgewärmter Schelling.
Quellen: Gabriel *Das Absolute und die Welt*, *Die Erkenntnis der Welt*,
*Ich ist nicht Gehirn*, *Neo-Existenzialismus*; Hösle/Suárez Müller
*Idealismus heute*; Sandkühler *Schelling*.
Kernaussage
Gabriels Originalleistung ist NICHT, Schelling nacherzählt zu haben. Neu ist, dass
er **einen Gedanken Schellings — die radikale Kontingenz des Seins — mit moderner
Logik formalisiert und daraus eine eigene Ontologie gebaut hat**: die
Sinnfeld-Ontologie und die These „Die Welt existiert nicht". Gabriel ist ein
brillanter Synthetiker, kein Revolutionär.
🟢 Das ist NEU
1. „Die Welt existiert nicht" — Anti-Totalitäts-Argument. Nicht „nichts
existiert", sondern: alles existiert, aber es gibt keine All-Umfassung.
Existieren = in einem Sinnfeld erscheinen; unendlich viele Sinnfelder, kein
Super-Container. Logisch begründet (analog Russell/Cantor: keine „Menge aller
Mengen" → kein „Feld aller Felder"). Das konnte Schelling nicht sagen.
2. Schellings „unvordenkliches Dass-Sein" — neu adressiert. Die Welt ist nicht
notwendig, sondern unableitbares Faktum; die Vernunft erkennt das Dass, nie
das Warum. Schelling richtete das gegen Hegel — Gabriel richtet es gegen ZWEI
heutige Gegner: Naturalismus/Szientismus („alles ist Gehirn") UND
Konstruktivismus („alles ist Konstruktion"). Diese Doppel-Frontstellung ist neu.
3. Neuer Realismus als „Zeitalter nach der Postmoderne". Alter metaph.
Realismus = nur „Welt ohne Zuschauer" (Fakten). Postmodernismus = nur „Welt der
Zuschauer" (Konstruktionen). Gabriel: beide real. Irreduzible Pluralität.
🔴 Das ist ALTER KÄSE
Wer diese Punkte als „Gabriels neue Deutung" verkauft: Etikettenschwindel.
⚖️ Kritische Gegenstimme
- Kritik: Sinnfelder ähneln Freges *Sinn* / Meinongs Gegenstandstheorie (~1900) —
alter Wein, neuer Schlauch.
- Kritik: „Die Welt existiert nicht" sei ein Definitions-Trick (Welt so definiert,
dass sie nicht existieren kann).
- Verteidigung: Das Neue ist die *Synthese* — Schellings Kontingenz + moderne
Mengenlehre + Doppel-Frontstellung in einem System.
🔍 Ist das überhaupt eine „Einsicht"? (Trivialitäts-Einwand)
Nüchtern betrachtet ist Gabriels Kern an mehreren Stellen uralt:
Verdacht: Gabriel goss Aristoteles + Kant + Meinong + Russell in einen griffigen
Slogan („Warum es die Welt nicht gibt") und verkaufte die Verpackung als neues
„-ismus". Die populäre Version („verschiedene Dinge sind verschieden real") ist
schlicht banal. Auch die Sensationstitel riechen nach Marketing.
Was evtl. nicht ganz trivial bleibt: (1) die Radikalität, sogar „das Sein als
solches" als Totalität zu bestreiten — schärfer als klassische Pluralismen;
(2) der diagnostische Gebrauchswert als Werkzeug gegen Neuro-Reduktionismus UND
Postmoderne zugleich (wie Humes „Sein/Sollen": klingt banal, wird aber ständig
verletzt).
Fazit
Die Provokation ist Gabriels, die Tiefe ist Schellings, die Bausteine sind Kants
und Russells. Der Sinnfeld-Pluralismus ist eine geschickte Neu-Etikettierung
uralter Einsichten — als „Einsicht" im starken Sinn fragwürdig. Das genuin
Unbequeme ist nicht Gabriels Teil, sondern Schellings Frage, *warum überhaupt
etwas ist und nicht nichts* (unvordenkliches Dass-Sein). Gabriel verwaltet diesen
Gedanken elegant — gefunden hat er ihn nicht.